Predigt Volkstrauertag 2007

Pastor Andreas-Michael Petersen ging während seiner Predigt auch auf den Klimawandel ein. Das Foto zeigt eine Vogelschwarm über dem Kreuzdeich während einer schweren Sturmflut.



Pastor Andreas-M. Petersen Haselau

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

am vergangenen Sonntag hatten wir hier in Haselau keinen Gottesdienst. Wir hatten nach Hetlingen eingeladen, weil ja am Abend bei uns das große Martinsfest auf dem Programm stand. Als ich aber den Predigttext des vergangenen Sonntags hörte, da dachte ich: Das passt doch genau zu meinen Gedanken zum Volkstrauertag. Daher nehme ich diesen Bibelabschnitt, um an ihm zu überlegen, was unsere Aufgabe an diesem Tag ist. Damit Sie verstehen, was ich meine, lese ich nun aus dem Lukasevangelium, 18. Kapitel.
Lukas 18, 1-8

II
Nun gut, vielleicht hinterlässt das Gleichnis auf das erste Hören hin eher Fragezeichen. Es ist eines dieser Gleichnisse, die Jesus erzählt. Wenn er das tut, dann knüpft er eigentlich immer an Dinge an, die seine Zuhörer kennen. Ja, so ist es, sagen sie häufig – es bleibt ihnen meist nicht anderes übrig, denn die meisten dieser Geschichten hat Jesus mitten aus dem Leben gegriffen.

So scheint es hier auch: Tja, so geht das Leben eben. Da sind die Witwen und Waisen zwar im Alten Testament immer ganz oben auf der Liste derer, denen das Recht zukommen soll. Aber – auch wir kennen das – die Wirklichkeit scheint oft anders als es auf dem Papier steht. Und wer sein Recht nicht durchsetzen kann, der bekommt es oft auch nicht.

Da ist zunächst die Witwe. Es scheint völlig egal zu sein, was ihr Widerscher ihr angetan hat. Das ist für Jesus total unwichtig. Und wir wissen auch nicht, ob es in der Stadt, in der Jesus predigt, gerade einen solchen Fall gegeben hat. Wichtig ist nur: Sie kommt nicht zu ihrem Recht.
In der biblischen Tradition hat ,Recht bekommen’ normalerweise nicht die Bedeutung von ,Recht und Gesetz’ oder von ,Gesetz und Strafe’. Recht bekommen hat eher etwas von zurechtbringen, das Leben zurechtrücken. Also eher: In Ordnung bringen. Der Richter interessiert sich überhaupt nicht für die Witwe. Was geht die mich an, wird er sich denken. Was bringt mir das, wenn ich mit ihr meine Zeit verschwende.

Auch bei dem Richter lässt Jesus sich nicht über seine Beweggründe aus. Es interessiert ihn anscheinend nicht, ob der Richter lieber einen Date hat mit den wirklich wichtigen Menschen, dem Bürgermeister, dem Bevollmächtigten des römischen Staates oder einem der mächtigen Politiker seiner Zeit, der Pharisäer. Vielleicht will er auch nur seine Ruhe haben oder seinen wohlverdienten Feierabend einhalten. Wer weiß. Fakt ist nur: Es interessiert ihn nicht das Recht der armen Frau.



III
Wir sollten nicht so tun, als würden wir das alles nicht kennen. Wir kennen die Gleichgültigkeit des Richters. Gut, wenn wir die Bilder von Katastrophen sehen, dann kommen oft große Spenden zusammen. Da lassen wir uns anrühren. Aber: Erinnern Sie sich noch an die große Katastrophe in Mexiko? Eine Woche etwa ist es her, dass wir die zerstörten Häuser sahen, die überfluteten Felder, die verzweifelten Gesichter. Oder: Die Regenkatastrophe in Zentralafrika. Dort, wo sonst Dürre herrscht, hat es in diesem Jahr unendlich geregnet. Die Felder sind zerstört von dem Wasser, die Brunnen verseucht. Oder: die Menschen in Afghanistan und dem Irak, die so unendlich unter dem Terror in ihrem Land leiden. Viel mehr als wir hier bei uns. Oder die Armen in Indien, die vom Wirtschaftsboom des Landes so überhaupt nicht profitieren. Oder das mächtigste Land dieser Welt, das sich so unendlich gleichgültig zu zeigen scheint gegenüber dem, was die Wissenschaftler über die klimatische Zukunft unserer Welt sagen – ich könnte immer so weiter die Gleichgültigkeit schildern, die ich in unserer Welt sehe.

Sollten wir da nicht verzweifeln? Sollten wir da nicht unsere Hoffnung aufgeben, dass sich endlich etwas ändert in dieser Welt? In unserem Land haben wir Frieden – naja, eigentlich müsste ich sagen: Krieglosigkeit. Krieglosigkeit seit mehr als 60 Jahren. Das ist ein unendlich wunderbares Geschenk. Aber Frieden ist das auch bei uns noch lange nicht. Rechte Hetzer finden immer wieder Zulauf, und in nicht wenigen Familien herrscht Kleinkrieg. Kleinkrieg um Kinder bei der Scheidung, Missbrauch und Gewalt.

Und auch im Großen: Wie viele Kriege hat es seit 1945 gegeben in dieser Welt. Als ob die Mächtigen dieser Welt nicht gelernt hätten aus den Gräueln der Weltkriege. Über 200 Kriege seit 1945 – und die Zahl der Toten, so habe ich gelesen, erreicht mittlerweile die des zweiten Weltkriegs. Die Opfer von Terror und Gewalt sind da wohl gar nicht mitgezählt.

Ich bin ehrlich: Mein Herz wird müde bei solchen Zahn. Da kann man verzweifeln, resignieren, aufgeben.



IV
Aber dann sehe ich die Witwe, von der Jesus erzählt. Die Frau, die eigentlich keine Chance hat gegen den mächtigen, unerschrockenen Richter – Jesus stellt ihn im Grunde so dar, als wäre er selbst ein kleiner Gott – unberührbar, fern, unerreichbar.

Aber: Sie gibt nicht auf. Sie nervt ihn. Sie setzt ihm zu mit ihrer Unerschrockenheit und Ihrer Ausdauer. Immer wieder kommt sie, gibt nicht auf. Sie hat keine Aussicht auf Erfolg außer diese: Dranbleiben. Nicht aufgeben. Weiter an der Hoffnung festhalten. Das ist das einzige, was ihr bleibt. Und genau das nutzt sie. Und genau das hilft ihr weiter.

Ich höre das als einen Aufruf, nein, eine Ermunterung an uns: Hört nicht auf. Trotzt der Resignation, die Euch übermannen will. Haltet nicht an, Hofft weiter. Glaubt weiter. Betet weiter.

Wie oft wollen wir aufgeben! Hat doch alles keinen Sinn. Wozu all das Gedenken an einem solchen Tag, wenn es doch nichts zu nutzen scheint!

Bilder des Terrors und des Krieges:
Afghanistan, Irak-Türkei, Sudan, Somalia, Birma …
Bilder des Klimawandels:
Bangladesh, Uganda, Mexiko …
Bilder der Not:
Indien, Afrika, Südamerika …

Und dann die Aussicht: Es wird alles noch schlimmer. Der Klimawandel wird nicht nur ein Wetterphänomen bleiben, sagt der neueste Weltklimabericht. Sciencefiction wird Wahrheit. Stürme mit 240 km/h bald schon nicht mehr etwas Besonderes, bald schon selbstverständlich. Und daraus folgt mehr Not, mehr Krieg, mehr Terror.



V
Doch ich höre das typisch protestantische ,Dennoch’. Ich höre den Trotz des Glaubens. Nicht aufhören, nicht aufgeben. Und das nun aber nicht nur aus Verbohrtheit. Denn im Dranbleiben ruht eine große Verheißung.

Wer nicht aufgibt, macht sich Gedanken. Wer nicht aufgibt, setzt sich trotz allem ein für den Frieden (im Großen und im Kleinen), setzt sich ein für das Miteinander, das Füreinander, das Gemeinwohl. Und zündet damit Lichter an in den Herzen anderer Menschen.Wer nicht aufgibt, macht sich Gedanken. Auch Gedanken darüber, wie andere Menschen eingeladen werden können zum Frieden. Und wenn es nur kleine Brandnester sind, die dadurch gelöscht werde – es ist und bleibt Arbeit für den Frieden.Und drittens: Wer nicht aufgibt, dem bleibt das Gebet. Die Kraft des Gebetes, die im Kleinen (und warum nicht auch im Großen) Türen öffnet, Mut macht und verändert.
So lasst und die Sehnsucht nach Frieden nicht begraben. Wir müssten es, wenn wir nur an uns selbst glaubten, an das, was uns Menschen möglich ist. Wenn wir an uns Menschen glauben, hätten wir keine Hoffnung und keine Perspektive für unsere Welt. Aber wir glauben, dass es etwas anderes gibt, das mehr ist als wir. Wir glauben, dass unsere Kraft – die zum Guten wie die zum Schlechten – nur gering ist in den Dimensionen Gottes. Sein ist diese Welt. Und sein ist auch unser Leben.

Gebe Gott, dass der Menschensohn Jesus Christus, wenn er wieder kommt um diese Zeit und unsere Welt zu vollenden am Ende der Zeiten – dass er dann immer noch Glauben findet auf dieser Erde. Glauben in den Herzen und Glauben in den Händen.

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen